Eltern-Lehrer-Gespräche

Mitteilung
Posted by Administrator (admin) on Nov 30 2009
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Anregungen für das Eltern-Lehrer-Gespräch – Ein Miteinander anstreben

Prof. Dr. Kurt Singer


„Zuhören“ fördert das konstruktive Gespräch

Hören Sie dem Lehrer zu, interessieren Sie sich für seine Sicht des Kindes, und gehen Sie auf seine Fragen ein. Das erleichtert es, ihm Ihre Sicht darzulegen. Halten Sie fest an Ihrem Wunsch nach gutem Kontakt. Zuhören ermöglicht, die Sicht des Lehrers wahrzunehmen und die eigene Eltern-Sicht zu klären. Für den anderen „ganz Ohr sein“ unterstützt die Absicht, dass aus dem Gespräch etwas Gemeinsames herauskommen, und das Trennende vermindert werden kann.

Bereiten Sie sich gut vor – auch im Gespräch mit Ihrem Kind

Scheuen Sie sich nicht, einen Zettel zu schreiben und die Notizen mitzunehmen, damit Sie in der Aufregung nichts vergessen. Machen Sie sich klar, was Sie der Lehrerin mitteilen möchten und stellen Sie ihr die Fragen, die Sie interessieren. Bei manchen Themen ist es nötig, sich sachkundig zu machen: durch die Schulordnung zum Beispiel oder mit pädagogischen Grundeinsichten. - Sprechen Sie mit Ihrem Kind aufmerksam durch, wie es selbst seine Situation im Unterricht einschätzt. Und überlegen Sie mit ihm, was Sie seiner Meinung nach in der Sprechstunde sagen, fragen, mitteilen sollen. Dadurch erfahren Sie viel über das Kind und sein Befinden in der Schule. Dabei kommen Sie mit ihm in einen engeren Kontakt. Bereden Sie nach dem Gespräch mit dem Lehrer, was Sie erörtert haben – und welche Folgerungen Sie aus dem Gespräch ziehen: was das Kind verändern kann, wie Sie ihm beistehen können und worauf der Lehrer achten möchte.

Geben Sie sich selbst und dem Lehrer eine Chance zur Verständigung

Gehen Sie nicht mit dem Vorurteil in die Sprechstunde: „Ich erreiche ja doch nichts“ und bauen Sie kein „Feindbild Lehrer“ auf. Denn die Feindbild-Erwartung kann den Kontakt von Anfang an stören. Lassen Sie sich von dem Wunsch leiten, sich zu verständigen. Suchen Sie nicht nach Schuldigen, sondern versuchen Sie, die Perspektiven aller Beteiligten zu sehen. Die des Kindes – deshalb kann es hilfreich sein, wenn das Kind dabei ist – , die der Lehrerin und Ihre eigene. Wenn es um kritische Punkte des Lehrerverhaltens geht: Ermöglichen Sie dem Lehrer, sein Gesicht zu wahren. Das ist nicht als „Taktik“ zu verstehen, sondern als Takt. Kritik sollte nicht so vorgebracht werden, das sich der andere „ertappt“ fühlt und sich rechtfertigen muss. Vielmehr soll er die Möglichkeit haben, sich selbstkritisch mit seinem Verhalten auseinander zu setzen – und etwas zu verändern.

Bedenken Sie nicht nur Ihre eigene Angst, sondern auch die von Lehrern

Wenn Sie Angst vor der Elternsprechstunde haben, dann warten Sie nicht, bis Sie Ihre Angst überwunden haben, sondern gehen Sie mit Ihrer Angst hin. Womöglich ist es sogar hilfreich, wenn Sie nicht versuchen, die Angst zu verbergen, sondern sie in das Gespräch einzubeziehen. Und denken Sie daran, dass auch Lehrer Ängste vor den Eltern, wie diese vor den Lehrern. Lassen Sie deshalb erkennen, dass Ihnen vor allem darin liegt, miteinander ins Gespräch zu kommen, Ihre Anliegen in nicht-aggressiver Form vorzubringen. Vermeiden Sie, etwas „besser wissen“ zu wollen, aber tun Sie Ihre eigene Meinung deutlich kund. Versuchen Sie nicht, den Lehrer zu belehren, sondern machen Sie ihm Ihr eigenes Denken klar.

Sprechen Sie nicht nur über den „Schüler“, sondern auch über Ihr „Kind“

Ihr Kind ist ja nicht nur „Schüler“. Lassen Sie die Lehrerin erkennen, wie Sie Ihr Kind sehen, was in Ihren Augen seine Vorzüge sind, seine Neigungen, seine Freuden, sein Kummer, wo seine Hilfebedürftigkeit liegt, wo Sie Nachteile ausgleichen wollen. Für Lehrerinnen und Lehrer ist es interessant und hilfreich, auch von anderen Seiten des Schülers etwas zu erfahren, nicht nur von seinen Schulleistungen. Er hat vielleicht besondere Fähigkeiten, die in der Schule nicht sichtbar werden, oder Eigenschaften, die der Lehrer nicht wahrnehmen kann. Da ist es hilfreich, den „Schüler“ als ganze Person zu sehen.

Auch Lehrerinnen und Lehrer brauchen ein „gutes Wort“

Sprechen Sie auch davon, dass Ihr Kind etwas Freundliches aus der Schule erzählt; oder wenn Sie erkennen, wo sich die Lehrerin besonders für Ihr Kind einsetzt, oder wenn sie dem Kind ein persönliches Wort zukommen lässt, oder wenn es von einem Unterrichtsthema begeistert war, oder wo sie als Mutter merken, dass es besonders gern gelernt hat... Nicht „Lob“ ist hier gemeint, sondern: die Lehrerin in ihrer oft schwierigen Aufgabe wahrnehmen und ihr Bemühen um den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler anerkennen. Oft freut es Lehrer, wenn sich die Eltern auch dafür interessieren, wie es Ihnen geht in ihrer Lehrer-Situation.

Versuchen, Eltern-Lehrer-Konflikte gewaltfrei zu lösen


Wenn es keine Probleme mit Schüler und Lehrer gibt, ist es einfach, das Gespräch zu führen. Manchmal handelt es sich aber nicht nur um eine normale Verständigung zwischen Eltern und Lehrern über die Schulsituation des Kindes. Wenn spezielle Konflikte vorliegen, sollten Sie mit dem Vorsatz in das Gespräch gehen, den Konflikt gewaltfrei zu regeln.

Greifen Sie nicht an, sondern lassen Sie sich mit Ihrem Anliegen begreifen

Wenn der Lehrer zum Beispiel Ihr Kind taktlos behandelt hat, dann erzählen Sie ihm vor allem, wie bedrückend die Beleidigung auf das Kind gewirkt hat. Womöglich erfolgte die Kränkung ohne Absicht. Mag sein, dass der Lehrer abstreitet, das Kind geängstigt oder überfordert oder bloßgestellt zu haben. Dann beharren Sie nicht auf Ihrer Darstellung, sondern vertrauen Sie darauf, dass Ihre Mitteilung nachwirkt. Manch herabsetzende Lehrerbemerkung geschieht im Affekt. Wenn Sie dem Lehrer deren Auswirkung auf das Kind und seinen Lernwillen mitteilen, kann er sich darüber Gedanken machen. Werfen Sie ihm hingegen pädagogische Taktlosigkeit vor – und mag der Vorwurf noch so berechtigt sein – ist es schwer, das Gespräch produktiv fortzusetzen. Orientieren Sie sich nicht daran, was Ihrer Meinung nach „falsch“ oder „richtig“ ist, sondern daran, wie etwas auf das Kind wirkt und wie Eltern und Lehrer pädagogisch helfen können.

Sagen Sie dem Lehrer, was Sie sich wünschen – aber belehren sie ihn nicht

Bitten Sie ihn zum Beispiel darum, das Kind nicht vor der Klasse an die Tafel zu rufen, weil es das so sehr ängstigt. Oder schlagen Sie vor, dass Sie für Ihren Jungen die Hausaufgabe selbst dosieren wollen, damit er, weil er sich so schwer tut, nicht stundenlang verzweifelt dasitzen muss. Sprechen Sie nicht von dem, was die Lehrerin „soll“, sondern davon, was Sie bewegt und was Sie gern verändern möchten.

Vermeiden Sie Überzeugungs-Machtkämpfe, dafür: wechselseitige Wahrnehmung

Versuchen Sie eine Einstellung zu wahren, die erfüllt ist von dem Wunsch nach Übereinkunft, nicht vom Rechthabenwollen. Bleiben Sie bei Ihrem Berührtsein von den Schulproblemen und den Fragen, die Sie mit der Lehrerin besprechen wollen. Versuchen Sie, nicht „Sieger“ sein und den anderen zum „Verlierer“ machen zu wollen; denn wo es Sieger und Verlierer gibt, ist die Verständigung missglückt. Einspruch sollte argumentativ und wo immer möglich mit Handlungsvorschlägen verknüpft sein, aber nicht persönlich angreifend.

Überlassen Sie das Gespräch nicht nur dem Lehrer, nehmen Sie es selbst in die Hand

Besonders wenn sich Eltern unterlegen oder ängstlich fühlen, neigen sie dazu, nur auf das zu re-agieren, was der Lehrer ins Gespräch bringt. Versuchen Sie bewusst – schon während Ihrer Vorbereitung – das Gespräch mit zu gestalten. Bringen Sie Ihre Themen, die des Kindes, und Ihre Fragen ein. Notieren Sie sich vor dem Gespräch Stichpunkte, damit Sie in der Aufregung nichts Wichtiges vergessen. Sie können in der Familie ein Rollenspiel durchführen: Wie eröffnen Sie das Gespräch? Wie gehen Sie auf die Beschwerde der Lehrerin ein? Wie lassen Sie sich keinesfalls verleiten, in einen Machtkampf zu geraten? – Hören Sie dem Lehrer aufmerksam zu, aber bleiben Sie gleichzeitig fest bei dem, was Sie von sich und Ihrem Kind sagen wollen. Fragen Sie den Lehrer gezielt um Ratschläge für spezielle Lernprobleme Ihres Kindes. Versuchen Sie alles, damit das Gespräch weiter gehen kann.

Vermeiden Sie Schuldzuweisung und Vorwurf

Aber lassen Sie sich selbst erkennen: mit Ihrem Denken, Ihrem Fühlen, Ihren Erfahrungen, Ihrer Zustimmung, Ihren Bedenken, Ihren Ängsten, Ihren Vorschlägen und Wünschen. Sich mit den eigenen Ansichten kenntlich zu machen, vermindert die Gefahr eines machtbehauptenden Gegeneinanders.

Betrachten Sie das Gespräch als Beginn eines Verständigungs-Prozesses

Nicht alle Unterschiedlichkeiten können ausgeräumt werden. Wenn das Gespräch so endet, dass es weiter geführt werden kann, haben Lehrer und Eltern viel erreicht: das gemeinsame Bemühen um Lösungen, mit denen dem Kind und den Erwachsenen geholfen ist. Falls Sie die Ergebnisse des Gesprächs spärlich finden: Sie können darauf hoffen, dass jedem der Gesprächspartner etwas nachgeht; denn es ist wechselseitige Aufmerksamkeit entstanden. Die kann sich für die Situation des Kindes erleichternd auswirken.

Das Eltern-Lehrer-Gespräch ist ein Prüfstein für eine demokratische Haltung


Es zeigt, ob wir demokratisch miteinander umgehen, oder ob der Kontakt einem Untertanen-Verhältnis gleicht, ob sich Eltern in einer Abhängigkeits-Beziehung sehen, oder in einer gleichwertigen Beziehung. Ob sich Eltern und Lehrer kooperativ aufeinander einlassen, oder ob sie machtbehauptend dem andern überlegen sein wollen, ob sie einander autoritär begegnen oder partnerschaftlich. Die Frage der Eltern-Lehrer-Beziehung könnte im Elternbeirat, in der Lehrerkonferenz und im Schulforum immer wieder Thema sein. Dazu sollten alle Beteiligten ihre wechselseitigen Wünsche ausdrücken. Dann können neue Formen der Eltern-Lehrer-Schüler-Zusammenarbeit gefunden werden, die dem Begriff „Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule“ zu lebendiger Praxis verhelfen.

Last changed: Mar 13 2010 at 20:20

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